Neue Konzepte für den Braunfelser Friedhof

Bildergebnis für friedhof Immer weniger Erdbestattungen

Immer weniger Erdbestattungen, das macht sich für die Kommunen auch finanziell bemerkbar. Denn die Freiflächen müssen weiterhin durch sie gepflegt werden und das kostet Geld. In Braunfels hat sich der Ortsbeirat deshalb Gedanken über neue Konzepte gemacht.

Die Kultur des Totengedenkens hat sich verändert und mit ihr auch das Bild, dass sich dem Besucher auf Friedhöfen ergibt: Waren vor ein paar Jahren die Reihen mit Grabsteinen noch dicht besetzt, gibt es mittlerweile immer mehr freie Rasenflächen. Denn immer weniger Menschen lassen sich im klassischen Erdgrab bestatten. Für die Kommunen wird dies teilweise zu einem finanziellen Problem, denn gepflegt werden müssen die Flächen trotzdem und das kostet Geld. Dies ist auch in Braunfels so. Stattdessen werden verstärkt andere Bestattungsformen wie Urnenwände und - gräber, Waldfriedhöfe oder Baumbestattungen angefragt. Der Ortsbeirat der Kernstadt hat sich deshalb aufgemacht und sich über neue Konzepte für den Friedhof informiert. Damit soll der veränderten Bestattungskultur Rechnung getragen werden.

"Der Bestand an Erdbestattungen wird immer weniger", sagt Stadtverordnetenvorsteher Michael Hollatz (parteilos). Er hat mit den Mitgliedern des Ortsbeirats die verschiedenen Möglichkeiten abgewogen. Der Stadtverordnetenversammlung wollen sie nun einen Antrag vorlegen. Laut diesem soll es auf dem Braunfelser Friedhof gleich mehrere Angebote geben. Dazu gehören zwei Felder für teilanonyme und anonyme Baumbestattungen. Ein Memoriam-Garten soll entstehen. Bei diesem kaufen Menschen eine Grabfläche, ein privater Betreiber kümmert sich um die Pflege des Gartens und der Gräber, dafür werden Gebühren fällig. Es ist sozusagen eine Teilprivatisierung des Friedhofs. Geplant ist auch ein Bereich für Sternenkinder und ein muslimisches Grabfeld. "Unsere muslimischen Bürger leben seit Jahrzehnten hier, ihre Angehörigen und Nachfahren auch. Da ist es doch nur sinnvoll, dass sie auch hier bestattet werden können", sagt Hollatz.
Ferner soll es auch Ruheflächen mit Bänken geben. "Der Friedhof soll auch die Möglichkeit der Begegnung, des Besinnens und zur Ruhe kommen für die Besucher bieten", erklärt Christel Pitsch (Grüne). Alte Gräber mit besonderer kultureller oder historischer Bedeutung sollen hervorgehoben werden. Doch wie sieht es in den Nachbarstädten aus? In Leun gibt es insgesamt fünf Friedhöfe, zwei davon in Bissenberg. Neben den klassischen Erdbestattungen gibt es Urnenbestattungen in Wahlgräbern und Wahlnischen sowie Rasengräbern. Auch anonym kann man sich bestatten lassen. Ein wirklicher Trend zu bestimmten Bestattungsformen lässt sich hier nicht erkennen. Zwar wurde in den vergangenen Jahren über Konzepte wie Memoriam-Garten, Baumbestattungen oder Urnengänge gesprochen, aber: "Bis jetzt gibt es keine konkreten Planungen bezüglich einer Umgestaltung", sagt Bürgermeister Björn Hartmann (CDU).  
Fünf Friedhöfe gibt es auch in Solms - einen pro Stadtteil. Neben Erdbestattungen kann man zwischen Urnen im Erdgrab, Urnengrab, Urnenwand, Rasenurnengrab und Baumgrab wählen. In Solms gibt es bereit eine Grabstätte für Sternenkinder. Seit 2019 wird es auch Doppel-Erd- und Rasenerdgräber geben. Dafür wurde kürzlich die Friedhofssatzung geändert. Damit trägt die Stadt einer verstärkten Nachfrage nach diesen Bestattungsformen Rechnung. Bürgermeister Inderthal (SPD) erklärt sich das so: "Es könnte am geringeren Pflegeaufwand liegen, wenn gleichzeitig keine Einäscherung gewünscht ist." Eine Umgestaltung der Friedhöfe sei derzeit nicht geplant. Tatsächlich geht aber auch in Solms die Zahl der klassischen Erdbestattungen zurück. 2008 waren es noch 34, 2019 gerade noch 19. Doch wie kommt es dazu, dass sich immer mehr Bürger für alternative Bestattungsformen entscheiden. Der Soziologe Matthias Meitzler und sein Kollege Thorsten Benkel von der Uni Passau forschen zur Trauerkultur in Deutschland. Sie betreiben sogar eine eigene Internetseite zu diesem Thema (www.friedhofssoziologie.de). Beide beobachten, dass sich die Friedhofskultur verändert. "Der Wunsch nach Autonomie und Individualisierung wird eher stärker werden, gerade auch was Sterben, Tod und Trauer angeht. Auch in Zukunft wird es immer wieder neue Konzepte geben. Der Markt wird sich jedenfalls noch weiter ausdifferenzieren", sagt Meitzler. Ein Aspekt dabei sei die Mobilität. "Heute können Menschen während ihres Lebens an so vielen verschiedenen Orten gewesen sein wie nie zuvor. Wenn zum Beispiel jemand aus beruflichen Gründen von München nach Hamburg zieht, wird ihm der regelmäßige Besuch des heimischen Familiengrabes erheblich erschwert.
Mobilität kann aber auch zu gewissen Globalisierungseffekten führen. Das bedeutet, dass Menschen etwas lernen über den Umgang mit dem Tod von anderen Ländern oder anderen Religionen und sich daraufhin sozusagen ihre eigenen Patchwork-Rituale zusammenbasteln." Eine Lösung sieht der Soziologe in Mischformen. "Ein Friedhof nach Schema F wird langfristig schlecht funktionieren. Sinnvoller wäre eine Strategie mit mehreren Feldern, die unterschiedlich gestaltet sind und ein unterschiedlich hohes Maß an Freiheit ermöglichen. Es muss daher auch nicht gleich überall alles erlaubt werden, denn es ist zu bedenken, dass es auch Menschen gibt, die sehr traditionelle Vorstellungen von Trauerkultur haben und sich an so mancher Innovation stören könnten", sagt Meitzler und bestätigt damit die Überlegungen des Braunfelser Ortsbeirats. https://www.mittelhessen.de/lokales/wetzlar/braunfels/neue-konzepte-fur-den-braunfelser-friedhof_20753208

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