Moore - Deutschlands unbekannte Klimaschützer

Die Moorlandschaft am Duvenstedter Brook in Hamburg. Klimakiller Moor: Vier Prozent der deutschen Treibhausgase.
Trockengelegte Moore gelten in der Landwirtschaft als Klimakiller Nummer eins. Sie verursachen mindestens ebenso viel CO2 wie die Tierhaltung. Zurückversetzt in den Urzustand wären sie über Nacht Klimaretter. Einzige Hürde: die Politik. Früher war das Moor für die Bauern im Brandenburger Greiffenberg ein Ärgernis. Für Pflugschare oder Pferdekarren unzugänglich, weder als Weide- noch als Ackerland brauchbar. Sie mussten die gefährliche Feuchtebene weit umfahren, es gab unsäglich viele Mücken, und Krankheiten wie Tuberkulose machten ihren Familien zu schaffen.Nur mit dem Stechen von Torf konnten die Greiffenberger Bauern Geld machen. Viele Gründe also, um die sumpfigen 800 Hektar trockenzulegen. Unter großen Mühen zogen sie im 18. Jahrhundert Gräben durch den matschigen Untergrund. So lief das Moor langsam leer. Rund 200 Jahre später versuchen Wissenschaftler, Naturschützer und Bauern das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Nicht nasse, sondern trockengelegte Moore sind in Zeiten des Klimawandels die Bedrohung: Werden Moore entwässert, gelangt Sauerstoff in den Boden und zersetzt die Torfmasse, die aus abgestorbenen Pflanzenresten besteht. So entweichen große Mengen CO2 und Lachgas.
In der Landwirtschaft sind die trockenen Moore deshalb der Klimakiller Nummer eins: Mit einem Anteil von 38 Prozent sind sie die größte CO2-Quelle - je nach Studie gleichauf mit oder sogar vor der Tierhaltung. Immerhin vier Prozent der deutschen Kohlendioxidemissionen setzen die entwässerten Feuchtgebiete frei, rechnet das Umweltbundesamt (UBA) vor - das ist mehr als der innerdeutsche Flugverkehr oder ein Viertel des PKW-Verkehrs. Würden alle Moore wiederbenässt, könnten die deutschen Klimaschutzziele 2030 in der Landwirtschaft auf einen Schlag übererfüllt werden.
"Moore sind eine Zeitbombe - je länger sie trocken liegen, desto mehr CO2 entweicht", erklärt Vera Luthardt von der Hochschule für Nachhaltigkeit in Eberswalde (HNE). Die Wissenschaftlerin schrieb schon zu DDR-Zeiten ihre Doktorarbeit darüber, was für ein ökologisches Desaster die Entwässerung von Mooren ist. Damals wurde sie noch belächelt. Auch im Sozialismus versuchten die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften die Moore nutzbar zu machen. Ackerbau auf Moorflächen: "ökologisches Verbrechen" "Bis in die Neunzigerjahre hat man in ganz Deutschland Moore trockengelegt, um sie für die Landwirtschaft zu nutzen", sagt Luthardt. Die 60-jährige Moor-Expertin steht an einem kühlen Maimorgen am Rande des Sernitzmoors in Greiffenberg und erinnert sich. "Erst später begriff man, dass nicht nur das Klima, sondern auch die Artenvielfalt und der Boden darunter leiden.
"Heute ist das Moor bei Greiffenberg ein ökologisches Vorzeigeprojekt. Im Schilf rascheln Nager und Amphibien, Vögel zwitschern, die Luft ist angenehm feucht und kühl. Unter einer Schwarz-Erle grasen eine Horde Wasserbüffel, in der Ferne plätschert die Sernitz. Aber das ist die Ausnahme: Bis heute sind mehr als 95 Prozent der Moore in Deutschland entwässert. Auf einem Großteil der trockenen Torfflächen wachsen Monokulturen, oder sie werden als Grünland für die Viehhaltung genutzt.  "Maisanbau auf Moorflächen ist ein ökologisches Verbrechen", sagt Wissenschaftlerin Luthardt, denn auch die Folgen für die Artenvielfalt seien desaströs: Weder Insekten, noch Vögel oder Wildblumen könnten dort heimisch werden. "Der trockene Torf geht durch den Ackerbau in die Luft und zurück bleibt eine kohlenstaubartige Oberfläche, in die kein Regen mehr eindringen kann.
"Die Folgen dieser Moorzerstörung bekamen viele Bauern im vergangenen Dürresommer 2018 zu spüren: Selbst wenn es regnete, konnte das Wasser die tieferen Schichten des ausgetrockneten Torfes nicht mehr erreichen. Die Pflanzen verdorrten. Auch Torfbrände, wie im vergangenen September auf dem Bundeswehrgelände bei Meppen, sind Klimakiller. Dort brannte der schwer löschbare Torf einen Monat lang und setzte mindestens 300.000 Tonnen CO2 frei.
Fühlen sich im Moor wohl und sind ein gutes Geschäft: Schilf und Wasserbüffel. Deutschlands Moore wiederzubeleben, ist eine riesige Aufgabe: Zusammen sind sie ungefähr so groß wie das Bundesland Sachsen. Weil viele Moorflächen Landwirten gehören, haben Vera Luthardt und ihr Team von der Hochschule Eberswalde daran geforscht, wie die Flächen rentabel bewirtschaftet werden können, ohne sie zu zerstören. Allein der Klimaschutz wird kaum einen Landbesitzer überzeugen, auf seine Einnahmen zu verzichten. Die Wissenschaftler schlagen vor, wertvolles Schilf auf dem wiedervernässten sumpfigen Untergrund anzubauen oder Wasserbüffel zu halten - sie nennen das "nasse Landwirtschaft". "Die Nachfrage nach Schilf ist groß, vor allem als Dämm- oder Baustoff", erklärt Friedrich Birr, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsgruppe Moor an der Hochschule Eberswalde. Allerdings ist die Umstellung nicht einfach, gibt Birr zu: "Das Gelände ist schwerer zugänglich und Arten wie der Wasserbüffel sind ganz anders zu handhaben als normale Weidekühe."
Die größte Hürde aber ist die Politik: EU-Agrarsubventionen, von denen auch deutsche Bauern abhängen, gibt es nur für bestimmte Pflanzen- und Tierarten. Schilfanbau ist nicht förderwürdig - deshalb gibt es keine Flächenprämie. "Da offenbart sich die Doppelzüngigkeit unserer Klimapolitik", schimpft Biologin Vera Luthardt. "Während Maismonokulturen auf trockengelegten Moorböden mit 300 Euro pro Hektar unterstützt werden, gibt es für den nachhaltigen und klimafreundlichen Schilfanbau nichts." Das erschwere es, die Bauern zu überzeugen. "Dabei ist die Rettung der Moore eine der effektivsten und kostengünstigsten Klimaschutzmaß-nahmen überhaupt - mit einem Schlag könnte die Landwirtschaft vom Klimasünder zum Klimaretter werden.
"Auch in der von der Bundesregierung geplanten "Moorschutzstrategie" sind finanzielle Anreize für Moorbauern bisher nicht vorgesehen. In Greiffenberg haben Anwohner, Wissenschaftler und Naturschützer mit der Moorrettung schon begonnen: Mit Spaten und Hacken trugen Helfer die toten Torfschichten ab und füllten damit die Entwässerungsgräben. "Schon innerhalb weniger Tage saugt sich die Erde wie ein Schwamm mit Wasser voll - und das Moor fängt wieder an zu leben", beobachtet Moorexpertin Luthardt. Mittlerweile lebt dort eine Herde Wasserbüffel. Ein Landwirt pflegt die Tiere und verkauft das Fleisch an örtliche Bioläden. Die Anwohner von Greiffenberg unterstützen die Wiederbenässung: Im Gegensatz zu ihren Vorfahren sind sie auf seine Nutzung nicht mehr angewiesen. Die Artenvielfalt rund um das Moor ist heute ein Segen und kein Fluch mehr. Und wegen der Wasserbüffel und einem "Moor-Erlebnispfad" kommen sogar Touristen in das Dorf. https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/moore-deutschlands-unentdeckte-klimaschuetzer-a-1267617.html

Termine

Jun
26

26.06.2019 18:00 - 19:00

Aug
28

28.08.2019 19:00 - 20:00

Aug
29

29.08.2019 19:00 - 20:00

 

 

Facebook

 

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen